„Steuergrab“, „schon jetzt zu klein“, „Baupfusch“ – ganz ehrlich, wer will die Debatte über das finanzielle und organisatorische Desaster „BER“ noch hören? Keiner! Deswegen schauen wir uns lieber an, wie es wäre, wenn der Großflughafen Berlin-Brandenburg schon funktionierte. Aerosoft hat die neue Version einer bereits bestehenden Umsetzung in seine Professional-Reihe eingegliedert, für Prepar3D v4 flottgemacht und wir haben uns diese Mixtur aus Fiktion und Realität aus der Nähe angesehen.

Fakten Vorab

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Hinter der Veröffentlichung steckt eine Zusammenarbeit von LimeSim und 29Palms, Aerosoft fungiert hier als Publisher. Das Produkt ist im hauseigenen Store für 29,95€ als Download erhältlich und dieser umfasst grundsätzlich drei Gigabyte Daten. Wer auf eine Angleichung an FTX-Texturen im Umland Wert legt, muss nochmals 3,8 Gigabyte durch die Pipeline jagen. Hätte man sich in den 90er Jahren träumen lassen, dass Flughafenszenerien mal um ein Vielfaches größer sein werden, als der Simulator selbst?

Die Geschichte des Flughafens Berlin-Brandenburg soll hier nicht vorgestellt werden, da sie äußert interessant und vielschichtig ist und somit für dieses Format zu strapaziös wäre.

Da die FSX- und Prepar3D-Vorgängerversion des Mega Airport Berlin-Brandenburg nicht von uns getestet wurde, beziehen sich einige der hier angemerkten Inhalte womöglich nicht spezifisch auf die Professional-Version. Daher betrachtet dieser Add-On Check die Software als eigenständige Entwicklung.

Nach dem Download und der Aerosoft-typischen Installationsroutine begegnet einem ein sehr gut gestaltetes Anpassungstool für alle wichtigen Einstellungen rund um den Platz. Außerdem finden wir ein gut gemachtes Handbuch vor und die Luftfahrtkarten gibt Aerosoft ja schon seit einer Weile über den NavDataPro-Offline-Zugang heraus. Um es gleich vorweg zu nehmen: das coolste Feature an der BER-Version von Aerosoft ist, dass der Nutzer die Wahl hat, ob er den derzeit aktiven Flughafen Schönefeld mit der Investmentruine BER im Hintergrund aktiv bzw. nicht eröffnet sehen will, oder ob SXF bereits geschlossen und die Terminals auf der Südseite in Betrieb sein sollen – das ist wirklich eine gute Idee!

Der Flughafen Berlin-Brandenburg

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Im Schönefelder Teil gibt’s nichts zu meckern, das Terminal strahlt noch immer seinen DDR-Charme aus, das Vorfeld ist ein Flickenteppich von Asphalt, die statischen Objekte auf dem Selbigem und der allgemeine Verkehr sind ansprechend und mittlerweile guter Standard. Fluggastbrücken werden via Tastenkürzel STRG+J angesteuert und alles hat seinen Platz dort, wo es hingehört. Schön anzusehen ist auch das Relikt der alten Nordbahn, sowie die alte „Generalsvilla“ mitten zwischen den Taxiways, in der früher Staatsgäste empfangen wurden und heute abgelehnte Asylbewerber auf ihre Aus“reise“ warten. Schön ist auch, das der BER in dieser Konfiguration wirklich nur am GA- und Frachtterminal geöffnet ist, die südliche Startbahn als gesperrt markiert wird und die Zufahrt zum Vorfeld durch Zäune verstellt ist. Nachts brennt auch im simulierten BER das Licht – etwas, das mittlerweile eher zum Amüsement als zum Kopfschütteln der Steuerzahler beiträgt.

Eröffnet man mit wenigen Klicks im Konfigurator das, was nun schon seit Jahren geöffnet sein sollte, kommt auch auf dem BER-Vorfeld Leben auf. Das Terminal selbst hat so viel Schönheit, wie Beton und Glas nun mal ausstrahlen können, der Tower steht herrlich solitär auf weiter Flur und die massiven Taxiwaymarkierungen leuchten sehr neu auf dem sehr weißen Asphalt, der den Flughafen Berlin-Brandenburg allgemein umgibt. Diese Farbe ist sicherlich richtig, sticht trotzdem ganz schön in den Augen und man muss sich daran gewöhnen.

Richtig mies sieht der Zufahrtsbereich zu den Terminals aus: Hier überwiegen schlecht retuschierte Texturen, holprige Zufahrtsstraßen und sterile Leere. Merkwürdig, wie sorglos man hier vorgegangen ist, obwohl der SXF-Teil doch eigentlich sehr gut aussieht. Ist die nüchterne Ausstattung das neue Mittel, um die Performancewerte im Zaum zu halten? Auch die Bahnstrecke von Osten in den Flughafentunnel hinein ist einfach nur ein matschiges Luftbild. Die Landebahnen (nun beide in Betrieb) sehen konsequenterweise noch eher jungfräulich aus, allerdings stören die rechts und links in der Bodentextur angedeuteten Punkte (evtl. Runwaylights aus dem Luftbild). Die Anflugbefeuerung ist nüchtern gestaltet und korrekt platziert.

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In der Nacht ist der Flughafen Berlin-Brandenburg dank des dynamischen Lichts ganz hübsch, die Bodentexturen dann aber auch sehr dunkel, was jedoch im Handbuch (wie übrigens einige andere Kompromisse auch) gut erklärt wird. Überhaupt ist das Manual ganz interessant, wenn man sich für den Werdegang einer Szenerie-Erschaffung interessiert.

Die Umgebung

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Grundsätzlich kann man sagen, dass sich die Szenerie gut in die FTX-Global-Umwelt einpasst, wenn man denn die zusätzlichen Daten geladen hat. Da der BER fotorealen Untergrund mitbringt, sind zwar einige Übergänge sichtbar, aber nicht störend. Aufgrund der schieren Größe des derzeitigen Areals hat man sich auf dieses beschränkt und die Umgebung völlig ausreichend inklusive von Gewerbegebieten, Bahnhof und näherer Bebauung nachgebildet. Wiedererkennungswert haben vor allem ein schwedisches und ein deutsches Möbelhaus im östlichen Teil der Szene. Auch die Einfädelung der Bahnstrecke zum Flughafentunnel im Westen ist gekonnt nachgearbeitet. In der Produktbeschreibung wurden auch Züge versprochen – angetroffen wurden aber bisher keine.

Die Umgebungsfläche soll aus hochaufgelösten Luftbildern bestehen und sieht aus großer Höhe auch wirklich gut aus. Am Boden allerdings zermatscht die Textur-Pampe zu einem undefinierbaren Grün – da hilft auch kein ansehnliches 3D-Gras. Warum muss es denn immer wieder die Fototapete sein? Kann man denn so etwas nicht einfach imitieren, nachbauen, ja simulieren? Die Tücke des Luftbildes fällt insbesondere da auf, wo man das Retuschieren von beweglichen Objekten vergaß, zum Beispiel auf den Zubringerstraßen oder den Flugplatzparkflächen – das ist nicht nur Schlamperei, sondern obendrein auch echt hässlich. Nichtsdestotrotz – das Rundherum des Flughafens Berlin-Brandenburg macht eine solide Figur, aber für das Laden der Texturen braucht man schon ein potentes System!

Die Performance

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Ohne Zweifel – viele Luftbilder und quasi zwei Flughäfen in einem: Das hat seinen Preis bei den Bildwiederholungsraten. Wie bei jeder großen Szenerie merkt man bei schlechtem Wetter und unter Umständen in Kombination mit dem dynamischen Licht Einbußen – aber nicht so stark, wie erwartet. Man kann hier bei normalen Einstellungen gut starten und landen.

Das Fazit

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Einerseits lässt sich sagen, dass alles, was unmittelbar zum Fliegen an diesem Platz dazugehört, gut, wenn auch nicht überragend gelungen ist. Wir erleben hier ein historisches Mischkonstrukt aus alternder Baustruktur und dem stehengebliebenen Neuen in all seiner kargen Einfachheit. Der Flughafen Berlin-Brandenburg ist nicht geschönt und wirkt trotzdem frisch. Getrübt wird der eigentlich solide Grundeindruck von einer matschigen Fototapete aus der Nähe und den daraus vielleicht sogar resultierenden, laienhaft „bearbeiteten“ Bodentexturen. Wer hier mit einem Jet drüberfegt, kriegt das gar nicht so sehr mit. Aber wer genauer hinsieht, muss sich ernsthaft fragen, ob das das Niveau der 30-Euro-Preisklasse ist. Wir sprechen daher eine ins positiv tendierende, aber nicht zweifelsfreie Empfehlung aus.

Entwickler: LimeSim / 29Palms Scenery Design
Publisher: Aerosoft
Lizenz: Payware
Getestete Version: 1.0
Preis: 29,95€
Erscheinungsjahr: 2018
FS-Version(en): Prepar3D v4
Produktseite: Aerosoft-Shop

Pro

  • sehr gute Einstellmöglichkeiten im Konfigurator
  • Umsetzung der beiden Flughafen-Betriebszustände gut gelöst
  • gute Einpassung in Umgebung

Contra

  • Mängel bei der Bearbeitung des Fotountergrundes und so auch der Auflösung zahlreicher Texturen in Bodennähe
Zusammenfassung
3

Kurzfassung

Mit Aerosofts Kombipaket aus SXF und BER macht der nach Berlin reisende Jet-Simmer grundsätzlich nichts verkehrt. Wer genauer hinschaut, langsam und flach fliegt oder ein schwächeres System besitzt, der wird von einigen Texturen enttäuscht sein.

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Leserbewertung
4 (5 Bewertungen)

Auszeichnungen

  • keine

Jens Leuteritz für flusinews.de

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Testsystem

Computer-Art: Desktop-PC
Hersteller, Produktbezeichnung: Eigenbau
Betriebssystem: Windows 10 Home, 64bit
verwendete Flusi Version: Prepar3D v4

Mainboard: ASUS ROG Strix Z270E Gaming
Prozessor: Intel Core i7-7700k @4×4,5GHZ
Arbeitsspeicher: 32GB DDR-4 (2x 16GB)
Grafik: NVIDIA GeForce GTX 1070 Strix 8GB
Festplatte (OS): Adata SP900 SATA III SSD
Festplatte (P3D): Samsung 960 Evo M.2 SSD

Weitere HD-Bilder zum Mega Airport Berlin-Brandenburg

Autor

Mein Name ist Jens Leuteritz und ich bin seit Anfang 2015 bei flusinews.de dabei. Meine Flugsimulatorlaufbahn teilt sich in zwei Abschnitte auf: Als Jugendlicher fesselten mich vor allem der FS2002 und der FS9, und nach etlichen Jahren fliegerischer Abstinenz stieg ich dann 2014 mit dem FSX und zahlreichen Add-Ons wieder voll ins „Geschäft" ein. Die Fülle an Szenerien und professionellen Fliegern, aber auch die riesige Community reizten mich, die Erfahrungen anderer Nutzer nicht nur zu konsumieren, sondern selbst mit Tests und Reviews zum Auskommen der Szene beizutragen. Um meine Brötchen zu verdienen, arbeite ich nach dem Studium mittlerweile als Fahrdienstleiter bei der DB Netz AG und gebe, wie es im Jobportal heißt, „Zügen Regieanweisungen“. Im Flightsimulator reizen mich vor allem die Landschaftsdarstellungen der nördlichen Hemisphäre, die ich immer wieder mit großen und kleinen Fliegern unter die Lupe nehme. Von hochdetaillierten Airlinern und virtuellen Airlines habe ich mich mittlerweile aufgrund der schwachen Performancestruktur des FSX distanziert und bin nun fast nur noch als GA unterwegs.

Bisher 3 Kommentare

  1. … im Schönefelder teil gibt es sehr wohl etwas zu meckern, denn es fehlen ganze Terminals. Die Szenerie ist hier leider einfach nicht aktuell!

  2. Und was ist wenn eines Tages bekannt wird das man die Bauruine wieder abreißt und an der Stelle Altenheime baut? 😀

    • Wohnraum ist knapp in Berlin – auch für Alte. Warum eigentlich nicht? 🙂

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